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Vorgeschichte und Gründung

Der Deutsche Verband Technisch-Wissenschaftlicher Vereine wurde im Ersten Weltkrieg am 27. Mai 1916 als Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen gegründet. In dem Zeitraum von etwa 60 Jahren seit Bildung der ersten Ingenieurvereinigungen Mitte des 19. Jahrhunderts machte die Technik große Fortschritte und wurde ein immer bedeutenderes Element im Leben der Menschen. Entsprechend der zunehmenden Vielfältigkeit neuer Zweige der technischen Wissenschaften entstanden auch neue Organisationen zur Pflege und Förderung der Teilgebiete. Mit der sich erst allmählich ergebenden Abgrenzung ihrer Betätigungsfelder sowie der wachsenden Behauptung und inneren Festigung der Einzelglieder wuchs auch die Erkenntnis wechselseitiger Abhängigkeit und übergeordneter Aufgaben.
 
Die Förderung der technischen Wissenschaften in ihrer Gesamtheit war ein Ziel, das jeder für sich nicht nachdrücklich und aussichtsreich genug verfolgen konnte. Das Unterrichts- und Bildungswesen musste als Grundlage für neue Erkenntnisse weiterentwickelt werden. Wo die Belange der Technik gegenüber Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Staat und Verwaltung zu vertreten waren, versprach gemeinsames Vorgehen eher und mehr Erfolge.
 
Nur Mitarbeit an der die Technik betreffenden Gesetzgebung konnte dem technischen und auch dem naturwissenschaftlichen Schaffen den ihm zukommenden Einfluss im öffentlichen Leben sichern. Die Bereitschaft, diese und andere Aufgaben einem übergeordneten Verband zu übertragen, wuchs erst allmählich und nach Überwindung vieler Hindernisse.
 
Der Gedanke einer alle Kräfte der Technik umfassenden Organisation wurde schon 1869 im Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und in Kreisen der Deutschen Architekten und Ingenieur-Vereine laut. Zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit geben Zeugnis von den verschiedenen Anregungen, die auf dieses Ziel gerichtet waren. Der Förderung dieses Gedankens widmete sich besonders der erste Vorsitzende des VDI, Friedrich Euler. Der Direktor des VDI, Franz Grashof, entwarf „Statuten für einen Deutschen Techniker-Verein“, die sorgfältig formuliert Zweck, Gliederung, Aufgaben und Organe eines solchen Vereins und Einzelheiten über die Zusammenarbeit der Mitglieder enthielten. Seine Ideen fanden teils lebhafte Zustimmung, teils aber auch Widerspruch.
 
Die Erörterungen über das Für und Wider seiner Pläne wurden jedoch durch die historischen Ereignisse um 1870/71 unterbrochen. Nach Beendigung des Krieges glaubte man, dass die errungene politische Einheit auch dem Streben nach organisatorischer Zusammenfassung der in der Technik wirkenden geistigen Kräfte neue Impulse zu geben vermochte. Die Hauptversammlung 1871 des VDI widmete sich fast ausschließlich der Frage, ob nicht das neu gegründete Deutsche Reich einer einheitlichen Vertretung der deutschen Technik bedürfe. Die Meinungen ließen aber doch kein einheitliches Bild erkennen. In den schon länger bestehenden Architekten und Ingenieurvereinen zeigten sich Widerstände. Nach den ersten Auseinandersetzungen schien der anfängliche ideelle Schwung mehr und mehr verloren zu gehen. Eine nüchterne, mehr auf das Zweckmäßige gerichtete Betrachtung machte sich allmählich breit. Als ein bescheidener Erfolg kam der Zusammenschluss der Deutschen Architekten und Ingenieure-Vereine zu einem Verband zustande. Franz Grashof, der Direktor des VDI, führte den Vorsitz in der Gründungsversammlung. Auf ihr gab sich Friedrich Euler noch einmal große Mühe, seine Idee wenigstens teilweise zu verwirklichen und dem Verband einen weiteren Rahmen zu geben, leider aber ohne Erfolg.
 
Die Tätigkeit der einzelnen technisch-wissenschaftlichen Vereine zeigte jedoch sehr bald, dass viele vorliegende Aufgaben durch gemeinsames Vorgehen aller besser zu lösen wären, wie z. B. die Ausbildung und Förderung des Nachwuchses. Eine Stellungnahme aller maßgebenden Kreise dazu wurde für dringlich erachtet. Man fand sich auf regionaler Ebene zusammen und bildete Arbeitsgemeinschaften. Die Bezirksvereine des VDI waren häufig der Ausgangspunkt zur Bildung von Ausschüssen, zur Herausgabe gemeinsamer Mitteilungsblätter und ähnlichem mehr.
 
Als sich der VDI 1908 entschloss, zusammen mit dem Verein Deutscher Maschinenbauanstalten die Nachwuchsfragen in einem Ausschuss zentral zu bearbeiten, fanden sich nach und nach Vertreter von 24 technisch-wissenschaftlichen Vereinen zur Teilnahme bereit. Der so gebildete Deutsche Ausschuss für Technisches Schulwesen (Datsch) war lange Zeit das berufene Gremium für das gesamte technische Unterrichtsund Bildungswesen von den Berufsschulen bis zu den Technischen Hochschulen. Das geschlossene Auftreten verlieh den erfolgreichen Arbeiten Gewicht und verschaffte ihnen bei den maßgebenden Stellen Gehör.
 
Angeregt von diesem Beispiel wurden die Ausarbeitung und Herstellung von Normalien, die Erstellung einer Gebührenordnung für technische Dienstleistungen der freiberuflich tätigen Ingenieure und das Gebiet der Technik betreffende Fragen der Verwaltungsreform in ähnlicher Weise durch gemeinsames Vorgehen gefördert. Bald zielten die Interessen aller Beteiligten auch auf eine feste organisatorische Form. Dies erschien auch deshalb unerlässlich, weil die Verflechtungen mit ausländischen Ingenieurvereinigungen in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ständig zugenommen haben und der Mangel einer die gesamte deutsche Technik vertretenden Organisation immer fühlbarer wurde. Der VDI war als größte Vereinigung in erster Linie dazu berufen, die Gesamtheit der Ingenieure zu vertreten. Es war für ihn aber schwierig, auf die Interessen der übrigen Vereine die erforderliche Rücksicht zu nehmen.
 
Die Zeit zur Gründung eines übergeordneten Verbandes war so allmählich reif geworden. Am 27. Mai 1916 gründeten die folgenden sechs bedeutendsten Vereine den Deutschen Verband Technisch-Wissenschaftlicher Vereine: Verein Deutscher Ingenieure, Verband Deutscher Architekten und Ingenieur-Vereine, Verein Deutscher Eisenhüttenleute, Verein Deutscher Chemiker, Verband Deutscher Elektrotechniker, Schiffbautechnische Gesellschaft.
 
Die Überlegung, dass repräsentative Aufgaben einheitlich wahrgenommen werden müssen, spielte bei der Gründung eine wesentliche Rolle. Die Pflege der freundschaftlichen Beziehungen zu ausländischen Ingenieurvereinigungen und die Mitwirkung in zwischenstaatlichen Organisationen in den die Technik betreffenden Fragen sollten zu einem wesentlichen Inhalt der Tätigkeit werden.