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Von 1926 bis zur Auflösung 1934

In den folgenden Jahren trugen neue Mitglieder zu einer besseren materiellen Ausstattung des Verbandes bei und schufen damit die Voraussetzung für die Inangriffnahme größerer Arbeiten. Statistische Erhebungen über die Lage der technischen Berufe, über die Verhältnisse der Studierenden an den Hoch- und Fachschulen sowie eine Bestandsaufnahme von Einrichtungen, die der Forschung auf dem Gebiet der technischen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung dienlich sein konnten, sind einige der damaligen Aufgaben des Verbandes. Die Aufwärtsentwicklung des Verbandes war nicht zuletzt der verdienstvollen Tätigkeit seines Vorsitzenden, Professor Dr. de Thierry, zuzuschreiben.
 
Die erfreuliche Kontinuität in der Führung des Verbandes, die bis 1934 bestand, ermöglichte langfristige Planungen und die Ausrichtung auf weitergesteckte Ziele. Dies kommt auch bereits in der folgenden bemerkenswerten Entschließung der Hauptversammlung 1926 zur Förderung der technisch-wissenschaftlichen Forschung zum Ausdruck. Die darin angeschnittenen grundsätzlichen Fragen stellten sich nicht nur wegen der damaligen wirtschaftlichen Krisen und ihrer Auswirkungen auf die Fortentwicklung der Technik, sondern betreffen auch die Verantwortung der Allgemeinheit für eine ihre Lebensinteressen berührende Angelegenheit.
 
„Die gegenwärtige wirtschaftliche Krise darf keinesfalls dazu führen, dass auch die wissenschaftliche Ausbildung des akademischen Nachwuchses unter der Not der Zeit leidet. Die freie, objektive Forschung auf wichtigen technisch-wissenschaftlichen Gebieten, die uns Gewähr für eine fortschrittliche Entwicklung unserer Erkenntnisse gibt, muss mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gefördert werden. Das Ergebnis der Studienreisen, die berufene Fachleute im Auftrag einiger Mitgliedvereine des Deutschen Verbandes in das Ausland unternommen haben, gipfelt in der Erkenntnis, dass die deutsche technisch-wissenschaftliche Forschung ihre in der Vorkriegszeit bewährte Vielseitigkeit und Stoßkraft wiedererlangen muss, um im geistigen Wettkampf der Völker den Anteil deutscher Arbeit nicht in eine zweite Linie zurückfallen zu lassen.
 
Der Deutsche Verband bittet die Regierung, es im Interesse des deutschen Ansehens und der Einschätzung der deutschen Kraft als ihre besondere Pflicht zu betrachten, dem Forschungsdrange der berufenen Männer, die heute vielfach durch Lehraufgaben über Gebühr belastet sind, die Möglichkeit zu ungehinderter Entfaltung zu geben. Weder mit Mitteln zur Durchführung wichtiger experimenteller Forschungsaufgaben, noch mit der Bereitstellung wissenschaftlicher Hilfskräfte darf gerade jetzt gespart werden, wo uns der geistige Fortschritt am ehesten über das drückende Bewusstsein unserer materiellen Not hinwegsetzen kann. Die Geschichte der Technik lehrt in tausend Einzelfällen, dass der wissenschaftliche Gewinn von heute, der weit entfernt von wirtschaftlichen Interessen errungen wurde, morgen der Grundstein zu bahnbrechenden Erfolgen unserer wirtschaftlichen Schlagfertigkeit werden kann.“

 
Neben den Arbeiten zur inneren Ordnung der technisch-wissenschaftlichen Kräfte rückte die Pflege der Zusammenarbeit mit gleichartigen Organisationen des Auslandes mehr und mehr in den Vordergrund. Kontakte zu den bestehenden und sich neu bildenden ausländischen Ingenieurgruppen wurden von vielen Mitgliedvereinen hergestellt. Pläne zur Einrichtung einer europäischen Ingenieurvereinigung, die allerdings erst viel später zu ersten organisatorischen Maßnahmen führten, fanden in weiten Kreisen der Technik gute Aufnahme. Der Verband erweiterte die Kenntnisse über die auf ihren Gebieten führenden ausländischen Organisationen und ihre Arbeitsweise durch Austausch von Unterlagen. Es gelang ihm auch, ausländische Wissenschaftler zu Vorträgen in größeren Städten Deutschlands zu gewinnen. Es fanden viele Veranstaltungen mit Beiträgen ausländischer Experten statt. Eine Vortragsreihe über Probleme der Energiegewinnung in England, die Entwicklung des englischen Kohlenbergbaus, des Elektrizitätswesens und der Erdölgewinnung ist hierbei besonders erwähnenswert. Starke Beachtung fand eine im Auftrage des DVT gefertigte Studie über die technisch-wissenschaftlichen Organisationen in der Sowjetunion und deren Verhältnis zu den staatlichen Industrien.
 
Die gegenseitige Abstimmung bei Fragen der zwischenstaatlichen Betätigung wurde als so wesentlich empfunden, dass die schon in früheren Jahren allerdings unregelmäßig veranstalteten Besprechungen der Geschäftsführer der Mitgliedvereine zu einer ständigen Einrichtung wurden.
 
Besonders verdienstvoll war die Auswertung des technischen Schrifttums für den praktischen Gebrauch. Die wachsende Zahl der Neuerscheinungen erschwerte die Übersicht über die technischen Zeitschriften und damit die Zugänglichkeit zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeit. Eine Dokumentation der Veröffentlichungen der jeweiligen Fachgebiete war von jeher ein dringender Wunsch der dem Verband zugehörigen und ihm nahestehenden Vereine, den aber nicht jeder für sich allein verwirklichen konnte. Überdies hatte der Verband schon durch seine Stellungnahme zugunsten des Brüsseler Klassifikationsschemas und den von der Lehrmittelzentrale erarbeiteten Klassifikationen in dieser Richtung gewirkt. Hieran anzuknüpfen und Lösungen zu finden, wurde einem neuen Ausschuss für technisches Schrifttum übertragen, dem Sachverständige der Mitgliedvereine angehörten. Der Ausschuss gab bald ein Merkblatt für technisch-wissenschaftliche Veröffentlichungen heraus, das von Zeit zu Zeit neu erschien und die Fundstellen und wesentlichen Inhalte der Publikationen enthielt. An der Erstellung dieses Merkblattes wirkten auch viele Schriftleitungen von Zeitschriften außerhalb des Verbandes mit. Das durch seine weite Verbreitung bestätigte gute Ergebnis veranlasste den Ausschuss, noch einen Schritt weiter zu gehen und eine Vermittlungsstelle für den technisch-wissenschaftlichen Quellennachweis zu errichten. Sie sollte eine genaue Kenntnis vom Stand des technischen Fachauskunftswesens vermitteln, vorhandene Auskunftsstellen organisatorisch zusammenfassen und mehr als bisher der Öffentlichkeit zugänglich machen. Mehr als 100 Fachauskunftsstellen der Technik waren über die Zentrale miteinander verbunden. Der Ausschuss sammelte darüber hinaus Erfahrungen der Mitgliedvereine bei der Gestaltung ihrer Versammlungen. Auf diesen Erfahrungen beruhende Richtlinien für die Organisation fachlicher Veranstaltungen, die Ausgestaltung von Vortragsräumen und die Ausarbeitung von Vorträgen wurden dankbar aufgenommen. Auf Anregungen dieses Ausschusses gingen auch erfolgreiche Bemühungen des Verbandes zurück, die Orte und Termine von Veranstaltungen angeschlossener Organisationen aufeinander abzustimmen.
 
1930 hatte der Verband 40 Mitgliedvereine. Hinzugekommen waren u. a. die folgenden technisch-wissenschaftlichen Vereinigungen: Deutscher Normenausschuss, Vereinigung der Großkesselbesitzer, Deutscher Kälteverein, Deutscher Wasserwirtschafts- und Wasserkraftsverband, Deutsche Glastechnische Gesellschaft, Gesellschaft für angewandte Mathematik und Mechanik, Deutscher Verband für Materialprüfungen der Technik. In organisatorischer Hinsicht zeichneten sich bei der Arbeit des Verbandes stärkere Konzentration auf wesentliche Aufgaben und Bestrebungen zur Bildung ständiger Ausschüsse ab. Während der ersten Jahre seines Bestehens hatte der Verband eine Fülle von Anregungen aus dem Tagesgeschehen aufgegriffen und die Behandlung der sich daran anknüpfenden Probleme einer Vielzahl von Ausschüssen überlassen, die nur vorübergehend und nur für den besonderen Zweck gebildet wurden. Aus solchen gegenwärtigen Anlässen waren z. B. die Ausschüsse für Verkehrsfragen und technische Studien, zur Förderung des Büchereiwesens und zur Behandlung technisch-statistischer Fragen entstanden. Sie lösten sich nach Erledigung der ihnen gestellten Aufgaben wieder auf. Andere waren nur zur Vorbereitung einer Stellungnahme oder zur Abgabe einer Erklärung an parlamentarische Körperschaften oder an Behörden gebildet worden. Einige erfolgreiche Ausschüsse wurden wiederholt mit verschiedenen Aufgaben in Anspruch genommen und entwickelten sich allmählich zu dauerhaften Arbeitsgruppen. Zu den wichtigsten Ausschüssen dieser Art zählte neben dem schon erwähnten Ausschuss für Technisches Schrifttum der Deutsche Ausschuss für das Schiedsgerichtswesen. Die von diesem Ausschuss erstellte Schiedsgerichtsordnung fand im Bereich des öffentlichen Auftragswesens — sie war in der Reichsverdingungsordnung für Bauleistungen zwingend vorgeschrieben — und als Vertragsgrundlage bei privatrechtlichen Verpflichtungsgeschäften über technische Leistungen und Lieferungen häufig Anwendung. Der Verband stellte Sachverständige aus allen Sparten der Technik zur Verfügung und nahm auf Wunsch der Beteiligten Schiedsrichter-Benennungen vor. Die Inanspruchnahme hierfür nahm von Jahr zu Jahr zu und trug viel zur Verbreitung der Schiedsgerichtsbarkeit bei, die sich für eine große Zahl von Streitfällen über technische Fragen hervorragend bewährt hat.
 
Die folgenden Ausschüsse konnten einen so wesentlichen Einfluss auf die Arbeit des Verbandes gewinnen, dass sie durch die Satzung zu ständigen Einrichtungen erhoben wurden:
 
Industrieausschuss als verbindendes Glied zwischen den technischen Wissenschaften und der Industrie. Ihm gehörten u. a. Robert Bosch, Ernst v. Borsig, Friedrich v. Siemens und Carl Duisberg an.
 
Hochschulausschuss für den ständigen Meinungsaustausch der Vertreter aller technischen Lehrinstitute mit den Vertretern der Organisationen des Verbandes und der ihnen nahestehenden Industrien.
 
Geschäftsführerausschuss zur Koordinierung der Arbeiten des Verbandes und seiner Mitglieder. Ihm gehörten die Geschäftsführer der angeschlossenen Vereine an.
 
Zum Verband gehörten aber auch als selbständige Organisationen das Deutsche Nationale Komitee der Weltkraftkonferenz, die Technisch-Wissenschaftliche Lehrmittelzentrale, die Gesellschaft zur Herausgabe der Illustrierten Technischen Wörterbücher und die Siemens-Ring-Stiftung.
 
Das Deutsche Nationale Komitee der Weltkraftkonferenz beginnt Anfang 1926 seine Arbeit mit der Vorbereitung für eine Teilkonferenz in Basel. Das Komitee war zwei Jahre zuvor als ständiger Ausschuss des Verbandes unter Beteiligung der mit den Fragen der Energiewirtschaft befassten Behörden und Spitzenverbände der Wirtschaft gegründet worden. Die Weltkraftkonferenz, die der Initiative des Engländers D. N. Dunlop zu verdanken ist, soll als weltweite Organisation ein Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Zweigen der Energiewirtschaft und den Fachleuten aus allen Ländern der Welt sein und durch Beteiligung von Regierungsvertretern in den nationalen Komitees und in den Veranstaltungen der Weltkraftkonferenz dazu beitragen, die Standpunkte der Wissenschaftler und Ingenieure sowie der Wirtschaftsverwaltungen der Länder einander anzunähern. Die unentbehrliche Versorgung menschlicher Zivilisation mit Energie und Energieträgern ist eine Angelegenheit der gesamten Menschheit und nicht nur der einzelnen nationalen und regionalen Wirtschaftsräume. Deshalb muss die Zusammenarbeit bei der Ausnutzung der vorhandenen Energiequellen hergestellt werden. Vermittlungsstellen für diese Aufgabe sind die Nationalen Komitees der beteiligten Länder, zusammengefasst in einem Generalsekretariat unter dem Internationalen Exekutivrat mit ständigem Sitz in London.
 
Die 1921 gegründete Technisch-Wissenschaftliche Lehrmittelzentrale (TWL) hatte bis zu ihrer Auflösung 1959 als gemeinnütziges Institut die Aufgabe, die Herstellung hochwertiger Lehrmittel auf den Gebieten der Technik und ihrer Hilfswissenschaften zu fördern und dem Vortragswesen in den technisch-wissenschaftlichen Organisationen zu dienen. Die von ihr angelegte Sammlung von Lichtbildern erreichte sehr bald einen Bestand von etwa 25 000 Darstellungen aus allen Gebieten der Technik, die nicht nur in ständig neuen Zusammenstellungen für Zwecke des Unterrichts verwendet wurden, sondern auch als Archiv für die geschichtliche Entwicklung technischer Vorgänge zur Verfügung standen. Daneben beschäftigte sich die TWL mit der Herstellung pädagogisch wertvoller Lehrmittel aller Art wie Filme, Wandkarten und statistische Übersichten.
 
Die Gesellschaft zur Herausgabe der Illustrierten Technischen Wörterbücher wurde 1930 vom Verband gegründet und führte die Arbeiten eines besonderen Ausschusses fort. Neben der wissenschaftlichen Beratung und Unterstützung der Schriftleitung bei der Herausgabe fremdsprachlicher Wörterbücher für alle Fachgebiete der Technik hatte die Gesellschaft gespendete Geldmittel zu verwalten und neue finanzielle Quellen ausfindig zu machen. Die zwischen 1928 und 1933 in rascher Folge erschienenen Bände waren unentbehrliche Hilfsmittel für die Exportwirtschaft und die mit dem Ausland in Berührung kommenden Wissenschaftler und Ingenieure.
 
Die Siemens-Ring-Stiftung wurde 1916 aus Anlass des 100. Geburtstages von Werner v. Siemens geschaffen, um die Erinnerung an verdienstvolle Persönlichkeiten aus dem Reich der Naturwissenschaften und der Technik dauernd wachzuhalten. Zur Pflege des Andenkens an solche Männer werden Denkmäler errichtet, Gedenktafeln angebracht und Lebensbeschreibungen herausgegeben. Als Auszeichnung für hervorragende Leistungen verleiht die Stiftung den „Siemens-Ring“.
 
Die politischen Veränderungen von 1933 warfen alsbald ihre Schatten auch auf die Tätigkeit des Verbandes. Seine Gründer und die Satzung untersagten ausdrücklich eine politische Betätigung. Gliederung und Verwaltung des Verbandes beruhten auf dem Prinzip der gemeinnützigen Zusammenarbeit aller Kräfte. Entsprechend den vielseitigen Gesichtspunkten eines mit der Pflege wissenschaftlicher Arbeit betrauten Zusammenschlusses waren die Befugnisse der Organe so gegeneinander abgegrenzt, dass stets die wechselseitige Einflussnahme auf die zutreffenden Entschlüsse gesichert blieb. Die Bildung von Ausschüssen und die Lösung der ihnen gestellten Aufgaben blieb eigener Initiative und der Selbstverantwortung der Beteiligten überlassen. Das alles vertrug sich jedoch nicht mit der nunmehr gewünschten politischen Ausrichtung auf die Zwecke des Staates. Versuche, die bestehende Form des Verbandes im Sinn der neuen Strömungen umzuändern, schlugen fehl. Zu lange war die Tradition geformt worden.
 
Im Juni 1933 gründeten jedoch einige technisch-wissenschaftliche Vereine die Reichsgemeinschaft der Technisch-Wissenschaftlichen Arbeit (RTA). Zunächst tat man so, als ob damit nur eine bessere Organisation eines Teilgebietes erreicht werden sollte. In Wirklichkeit aber war eine Konkurrenzorganisation entstanden mit dem Bestreben, die Aufgaben des Verbandes zu übernehmen. Diese Absicht wurde auch Schritt für Schritt verwirklicht.
 
Anfang 1934 wurden die VDI-Nachrichten, das Organ des Verbandes, zum Mitteilungsblatt der Reichsgemeinschaft gemacht. Alsbald wurden sie in RTA-Nachrichten umbenannt. Publikationen des Verbandes wurden immer seltener und mit dem Wachsen der neuen Organisation schließlich gar nicht mehr aufgenommen.
 
Der Verband konnte nicht umhin, im Juli 1934 folgende Erklärung abzugeben, die seine Auflösung bedeutete: „Die Reichsgemeinschaft der Technisch-Wissenschaftlichen Arbeit und der Deutsche Verband haben beschlossen, sich unter Beibehaltung der bisherigen gemeinsamen Geschäftsstelle zusammenzuschließen und den einzelnen Vereinen des Deutschen Verbandes, soweit sie noch nicht Mitglieder der Reichsgemeinschaft sind, anheimzustellen, ob sie bei dieser die Eingliederung beantragen wollen.“
 
In der Sitzung des Vorstandsrates am 1. August 1934 blieb dem Vorsitzenden des Verbandes nichts anderes übrig, als den Auflösungsbeschluss bekanntzugeben. Von dieser Auflösung nicht betroffen wurden das Deutsche Nationale Komitee der Weltkraftkonferenz und der Deutsche Ausschuss für das Schiedsgerichtswesen sowie die drei dem Deutschen Verband angeschlossenen selbständigen Organisationen: die Siemens-Ring-Stiftung, die Technisch-Wissenschaftliche Lehrmittelzentrale und die Gesellschaft zur Herausgabe der Illustrierten Technischen Wörterbücher.
In einer Hauptversammlung der Reichsgemeinschaft der Technisch-Wissenschaftlichen Arbeit im September 1934 wurde die Äußerung des Verbandes dahin kommentiert, dass damit das „zwecklose Nebeneinander der bis zum Umbruch in viele Vereine zersplitterten Technik durch einen organisatorischen Neuaufbau beseitigt worden sei“.