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„Brüsseler Klimaschutzpolitik gefährdet die Hälfte aller Stahlarbeitsplätze“

DVT: Parlamentarisches Frühstück mit dem Stahl-Experten Prof. Dieter Ameling
 
Bericht: VDI-Nachrichten
Autorin: Regina-C. Henkel, freie Journalistin
 
 
 
Dieter Ameling hat sich dem Werkstoff Stahl verschrieben: als Top-Manager bei Thyssen und Krupp, als Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl und als Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh. Jetzt hat Ameling sein 67. Lebensjahr vollendet und bis auf seine Honorar-Professur in Clausthal-Zellerfeld fast alle Ämter abgegeben. Nicht aber sein Engagement für den Werkstoff und die Stahlwirtschaft. Die Gelegenheit, im Rahmen eines Parlamentarischen Frühstücks des Deutschen Verbands Technisch-Wissenschaftlicher Vereine (DVT) ein Referat über das Thema „Vertreibt die Politik die energieintensive Industrie aus Europa?“ zu halten, nahm der promovierte Metallurgie-Ingenieur besonders gerne an.
 
Politiker in der direkten Begegnung mit Insider-Wissen zu konfrontieren und wachzurütteln, ist nach Überzeugung Amelings höchste Zeit. Die Rekordzahlen der Stahlindustrie aus dem vergangenen Jahr könnten die Parlamentarier möglicherweise darüber hinwegtäuschen, dass die Branche vor massiven Herausforderungen steht. Trotz des exporthemmenden Höhenflug des Dollars wurde 2007 zwar beim Umsatz die Schallgrenze von 45 Milliarden Euro durchbrochen, bei der Rohstahlproduktion mit 48,6 Millionen Tonnen gelang ein neuer gesamtdeutscher Rekord. Die stahlverarbeitende Industrie zeigte mit einem Plus von 5,6 Prozent sogar die stärksten Zuwächse seit der Wiedervereinigung.
 
Die Zukunft könnte allerdings ganz anders aussehen. Stahlexperte Ameling befürchtet starke Einschnitte – zunächst in die Ertragskraft der rund 100 Stahlerzeuger im Land, dann auch in den Arbeitsmarkt. Der Auslöser dafür kommt aus Brüssel. Am 23. Januar 2008 hat die Europäische Kommission ihr Paket zur Energie- und Klimapolitik vorgestellt, über das bereits im kommenden Frühjahr entschieden werden soll. Es bleiben also nur noch wenige Monate, die deutschen Interessen in Brüssel vorzutragen und durchzusetzen.
 
Können sich Bundesministerium für Umwelt (BMU) und Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) bis dahin nicht auf eine gemeinsame Sprache einigen, befürchtet Stahlexperte Ameling zunächst für Deutschland und darüber hinaus auch sogar europaweit starke Einschnitte: in die Ertragskraft der Industrie ebenso wie in den Arbeitsmarkt – auch weit über die Stahlbranche hinaus. Als erfahrener Manager weiß Ameling nur zu gut: „Wird die Produktion aus Kostengründen gedrosselt oder wandert ins Ausland ab, bedeutet das einen Bruch in der Wertschöpfungskette. Es entstehen Kommunikationsprobleme und die gesamte Wirtschaft verliert ihre Leistungsfähigkeit.“
 
Insbesondere der Emissionshandel bereitet Ameling Sorge. Die bislang kostenlos zugeteilten CO2-Zertifikate müssen nach den Plänen der EU-Kommission ab 2012 erworben werden. Für das produzierende Gewerbe, also auch die Stahlindustrie, ist der stufenweise Einstieg geplant. Ab 2020 soll es keine kostenlose Zuteilung mehr geben. Hier sieht Ameling buchhalterisch ausgesprochen rot. Gegenüber den Bundestagsabgeordneten, deren Büromitarbeitern sowie zahlreichen Vertretern von DVT-Mitgliedsverbänden sagte der Branchenexperte: „Dies wäre der Todesstoß für den Industriestandort in Deutschland und Europa. Unsere Berechnungen ergaben Zusatzkosten von 2,3 Milliarden Euro allein für die integrierten Hüttenwerke in Deutschland. Eine Abwanderung der Grundstoffindustrien aus Europa wäre unvermeidlich.“ Die Folgen für den Arbeitsmarkt wären laut Ameling fatal. Der langjährige Verbandsvorsitzende schätzt, dass von den derzeit etwa 92.000 Stahlarbeitsplätzen hierzulande „mehr als die Hälfte“ bedroht ist, wenn die Entwürfe der EU-Kommission unkorrigiert realisiert werden.
 
Damit es soweit nicht kommt, sind vom europäischen Stahldachverband Eurofair und dem Düsseldorfer Stahl-Zentrum, der virtuellen Holding von insgesamt 14 Organisationen und Institutionen der Branche, Alternativvorschläge zum Brüsseler Richtlinien-Paket entwickelt worden. Dazu gehört beispielsweise ein auf die Stahlindustrie zugeschnittenes Emissionshandelssystem, das auch Inputs wie Koks oder Strom oder Gutschriften aus Nutzung von Nebenprodukten zählt, ebenso wie eine so genannte Ex-post-Zuteilung von CO2-Zertifikaten im Umfang der Produktionsmenge statt absoluter Emissionsobergrenzen.
 
Eine absolute Begrenzung von CO2-Emissionen ist nach Überzeugung Amelings sowohl ökonomisch als auch ökologisch unsinnig, denn: Eine CO2-Reduktion von 2005 bis 2020 um 21 % müsste hierzulande bedeuten, dass die Stahlproduktion auf knapp 160 Mio. t gedrosselt wird. Das entspreche dann gut 32 % weniger Stahl gegenüber den ursprünglich erwarteten 236 Mio. t aus deutscher Produktion. Doch der weltweite Stahlhandel wächst rasant. Anzunehmen, dass China als Exportweltmeister diese Lücke gerne schließen wird – mit ohne jede Umweltauflage produziertem und deshalb preiswerterem Stahl .
 
Diese schlimme Ahnung hatte DVT-Vorsitzender Prof. Dr.-Ing. Hubertus Christ bereits, als er sich um Prof. Dr. Ameling als Referenten für das Parlamentarische Frühstück bemühte. Nach den Ausführungen des Stahlexperten war es dann traurige Gewissheit: „Der EU-Vorschlag hat weltweit steigende CO2-Emissionen zur Folge: Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit verschlechtern sich.“ Gleichwohl bleibt der DVT-Vorsitzende zuversichtlich, dass Brüssel doch noch von der absoluten CO2-Absenkung abzubringen und vom Emissionsdurchschnitt („moving target“) zu überzeugen ist. Christ: „Die fortwährende Effizienzverbesserung wäre auch ein Anreiz für die anderen energie-intensiven Industrien, neben Stahl also auch Aluminium, Glas, Kunststoff oder Zement.“